Geschichten von Menschlichkeit- German

37) Hundeliebe

Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft muss sich nicht auf Menschen beschränken, wie mir die Erzählung über zwei engagierte “Hundedoktoren” zeigt. 

“Nahe dem Ort Hotovo sind wir auf 2 Hundeliebhaber aus der Bundesrepublik gestoßen, die sich zu ihrer Aufgabe gemacht haben, sich um Kranke und Unfallverletzte herrenlose Hunde in Bulgarien zu kümmern. Sie haben ein Hundecamp nahe Hotovo nach Landerwerb aufgebaut und kümmern sich um die hilfsbedürftigen Hunde in Eigeninitiative und über Spenden mit großen Engagement und Fachkunde. Stets sind 15 – 25 Hunde in ihrer Betreuung. Einige davon haben inzwischen wieder oder erstmalig ein neues zu Hause gefunden.”

Nicht nur dass mir wiederholt begeistert von den Hundefreunden und ihrem “Streuner Paradies” erzählt wurde— meine Erzähler hat allein der Gedanke daran zu einer Tat aus Tier- und Menschenliebe motiviert: “Deine heutige Mail hat mich aktiviert, so hast Du damit eine gute Tat in Form einer Spende veranlasst.”


36) Über Lehrer

Diese Geschichte ist an eine ganz besondere Berufsgruppe adressiert: LehrerInnen.

In der Schulzeit haben wir ständig Witze über sie gemacht, uns auch mal Streiche ausgedacht, und uns darüber unterhalten, wen wir am wenigsten leiden können. 

In den Jahren nach der Schule habe ich dann allerdings doch festgestellt wie viel sie mir beigebracht haben. Nicht nur Unnützes, bei dem wir uns immer gefragt wofür wir das jemals brauchen. Nein, ich habe stattdessen bemerkt wie manches was mir früher unnütz vorkam nun tatsächlich hilfreich. Bestes Beispiel: literarische Stilmittel im Deutschunterricht. Was hilft mir das denn irgendwann nochmal? Doch dann habe ich im Studium eine Rede analysiert und dafür mein Wissen aus Deutsch noch einmal hervorgekramt. Und plötzlich war es wichtig. Nicht nur für diese Rede, aber jede Rede und Text den ich genauer unter die Lupe nehmen wollte. Durch die Stilmittel konnte ich verstehen wie die Autoren ihre Texte und Reden bauen, was sie mit ihnen erreichen wollen, was der Grund hinter ihnen ist. Ich habe nicht nur die Stilmittel auswendig gelernt, sondern hatte damit Hilfsmittel zum Hinterfragen, zum Nachdenken, auf die ich jetzt immer zurückgreifen kann. Denn selbst wenn ich nicht mehr jedes einzelne Stilmittel im Kopf habe, kann ich sie einordnen und wiederfinden.

Dass ich all das in der Schule gelernt habe, diese Schritte habe ich Jahre nach meinem Deutsch Abitur verstanden. Nicht nur in Deutsch, sondern in vielen Fächern. Und da diese Erkenntnis vermutlich in der Regel nach einiger Zeit eintrifft bekommen die LehrerInnen die Früchte ihrer Arbeit wahrscheinlich selten zu sehen und zu hören. Deswegen hier einmal: Dankeschön.


35) Im Vorbeifahren

Das hier könnte die kürzeste Geschichte hier sein. Sie ist nur wenige Sekunden Alltagsleben lang.

Ich bin den Fahrradweg entlang geradelt und zwei Personen kamen aus der Gegenrichtung. Der erste, auf einem E-Roller, fuhr so weit auf meiner Seite des Weges dass ich auf den Fußgängerweg ausweichen musste um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Ich war kurz davor genervt mit den Augen zu rollen, als er mir eine Entschuldung zurief. Und ich konnte nicht anders als zu lächeln.


34) Reisepass gesucht

„Ich bin gerade in Nepal und wir waren in den letzten Wochen wandern im Himalaya. Immer schön von Hütte zu Hütte um den Annapurna herum, der Zehnthöchste Berg der Welt. Nun hat ein Freund von mir am dritten Tag seinen Beutel, mit ‘nem Haufen Geld, Reisepass und Kreditkarte verloren, da seine Tasche, wo alles darin war, kaputt gegangen ist. Als wir das gemerkt haben ist er natürlich sofort umgedreht, war bei der Polizei und hat die Strecke abgesucht. Wir haben in der nächsten Ortschaft gewartet und uns schonmal Gedanken gemacht wie es jetzt weitergeht und was wir als Gruppe machen. Wir haben schon gedacht dass wir alles abbrechen müssen. Aber als wir am nächsten Tag zu einer Akklimatisierungswanderung starten wollten hielten uns kurz zwei deutsche Mädels und ein Franzose an und fragten nach ob wir die Truppe sind, die den Beutel mit all dem Zeug suchen. Wir hatten so viele Leute gefragt und kennengelernt, dass wir nun als die Gruppe, die nach dem Reisepass sucht, bekannt waren. Diese drei hatten glücklicherweise den Beutel gefunden und ihn mitgenommen. Sie haben sich sogar geweigert den Beutel abzugeben, da dann wahrscheinlich das ganze Geld weg gewesen wäre. Soll wohl schon häufiger vorgekommen sein. Und da das Geld für drei Wochen gewesen wäre, waren wir einfach heilfroh, dass noch alles da war. So konnten wir nach zwei Tagen des Suchens und Überlegens doch noch unseren Treck weitergehen.“


33) X & Y, Verrat und Vertrauen

In den vergangenen Monaten habe ich an einer Schulung durch eine Nichtregierungsorganisation teilgenommen, die von Erasmus+ gefördert wurde. Es ging um peace-building (Friedenskonsolidierung), Transformation von Konflikten und Versöhnung zwischen Menschen. Wir waren eine Gruppe von rund 20 jungen Menschen aus verschiedenen Ländern in Europa und der Kaukasus Region. Wie man sich vorstellen kann werden in einer solchen Umgebung viele positive Dinge gesagt. Es gibt einem Hoffnung, denn die ganze Woche drehte sich eigentlich nur darum unseren Gesellschaften zu helfen. Doch ohne Dinge zu romantisieren möchte ich eine Geschichte aus dieser Woche erzählen die wieder zeigt: kleine Dinge sind wichtig.

Wir haben das X-Y Spiel gespielt. Darin treten mehrere Gruppen gegeneinander an und versuchen so viele Punkte wie möglich zu gewinnen. In mehreren Runden wird in den Gruppen im geheimen für X oder Y gestimmt. Wenn eine Gruppe nur an sich denkt wird sie X wählen. Wenn man sich jedoch nicht um den Gruppengewinn schert, sondern anfängt an alle Gruppen zu denken und sich um sie zu kümmern, dann wählt man Y. Wenn jede Gruppe für Y stimmt kann jeder glücklich werden, aber wenn die anderen (oder auch nur eine andere Gruppe) X wählt, verliert die Y Gruppe. Essentiell geht es in dem Spiel also um Vertraue, Hoffnung und kämpfen für die Gesellschaft anstatt von Selbstsucht.

Was in unserer Gruppe passierte war dass wir angefangen haben für Y zu stimmen. In jeder Runde. Wir haben in fast jeder Runde verloren, sind aber bei dem Y geblieben. Ein Pakt zwischen den Gruppen wurde beschlossen und von einer Gruppe gebrochen. Wir blieben bei dem Y. “Wenn wir jetzt auch für X stimmen sind wir nicht besser, sondern denken auch nur an uns selbst und nichts kann sich ändern”, haben wir uns gesagt. Am Ende hatten wir die meisten Minuspunkte von allen Gruppen. 

Was ist die gute Nachricht dabei? Zeigt es nicht das Teilen und Menschlichkeit sich nicht auszahlt? Nein, denn das Spiel geht jedes Mal anders aus. Und in der Reflektionsrunde danach kam das Beste. Wir hatten einen Beobachter für Gruppe, der das Spiel vorher schon einmal gespielt hatte. Und ihn hat es verändert, dass er uns beobachtet hat.

Er meinte, das letzte Mal hätte die Gruppe nur an sich selbst gedacht, ganz anders als wir. Als er sah, wie wir immer für die größere Gruppe gestimmt haben, hat ihn das überrascht. Er, ein recht ruhiger Mensch, sagte dass durch das Zusehen er wieder etwas Vertrauen und eine positive Seit ein Menschen gesehen hat. Und Hoffnung. Er sagte das am Ende der Schulung noch einmal, als eines der wichtigsten Dinge die er von der Gruppe mitnahm: Vertrauen.

Ich hätte nicht gedacht dass es einen solchen Eindruck machen könnte, dass es die Einstellung einer Person so sehr beeinflussen könnte. Das war schön zu hören. Er hat es nicht nur gedacht, es war ihm auch wichtig genug um die Veränderung mit uns zu teilen.

Eine Person ist wichtig, jede Sache die wir tun ist wichtig, auch wenn es nur ein Spiel ist. Und somit ist auch jede Sache die wir ändern wichtig.


32) „Alle Zusammen“

Anfang Februar haben die Folgen der Landtagswahl in Thüringen mächtige Wellen geschlagen, als ein neuer Ministerpräsident gewählt wurde. Entrüstung, Emotionen, politisches Interesse… auf einmal schien die ganze Zivilbevölkerung auf den Beinen. Diese Geschichte handelt nicht davon, welche Partei man gewählt hat- sondern darum, dass Menschen aufgestanden sind für die Demokratie, dass sie es nicht hingenommen oder weggeschaut haben als sie verletzt wurde. Denn das hat wieder Hoffnung gegeben, wie eine Freundin gezeigt hat:

“Die letzten Tage haben mich mit tiefer Furcht und Ungläubigkeit erfüllt. Darüber, wie geschichtsvergessen und egoistisch Menschen in mächtigen Positionen doch sein können. Und was sie in Kauf nehmen nur um ihren Bestrebungen zu folgen.

Am 5. Februar waren meine Mitbewohnerin und ich damit beschäftigt uns vom Schreiben unserer jeweiligen Bachelorarbeit abzulenken, als wir die Nachricht über die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen mitbekamen. Die FDP stellt plötzlich den neuen Ministerpräsidenten? Wirklich? Nicht nur, dass man mit 5% Wahlstimmenanteil echt nicht den Mehrheitswillen der Bevölkerung abbildet, nee, er hatte sich auch noch von den Faschisten der AFD um Höcke ins Amt heben lassen (Hierbei sei angemerkt, dass es rechtlich legitim ist Höcke als Faschist zu bezeichnen, dazu gabs ‘nen Gerichtsurteil). Wir waren fassungslos.

Der erste Schreck ebbte ab und wir begannen zu recherchieren, um den genauen Ablauf in Erfahrung zu bringen.  Irgendwas musste man da doch machen können. Schnell stellten wir fest, dass wir nicht allein waren mit unserer Entrüstung, überall riefen Menschen zu Demonstrationen und Solidarisierungen mit den Demos auf. Die Forderung nach dem sofortigen Rücktritt verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den Menschen.

Keine Stunde nach der öffentlichen Verkündung des Wahlergebnisses gab es eine Demonstration am Landtag in Erfurt, sowie in Jena, Weimar und Gera, noch am selben Tag kamen Menschen in Leipzig, Berlin, Hamburg und an anderen Orten in ganz Deutschland zusammen. Dieses Gefühl der Solidarität und des Zusammenhaltes bestärkte mich und gab mir Zuversicht. 

In den folgenden Tagen verfolgte ich gebannt die neusten Ereignisse. Am 8. Februar konnte ich endlich aufatmen. Der Ministerpräsident war zurückgetreten, es würde sich etwas ändern! 

Ich bin allen dankbar, die widersprochen haben, die auf die Straße gegangen sind, die sich solidarisiert haben und gezeigt haben, was Demokratie ist und was Menschlichkeit bedeutet.”


31) Gehen lassen

Manchmal erscheint es mir menschlich genug wenn Menschen sich ganz normal verhalten. Im Sinne davon, wenn sie nichts schlimmes machen. Das empfinde ich auch als etwas positives.

Aufgefallen ist das unterwegs in Georgien. Drei Stunden sich die manchmal auch anstrengende Fragen des Sitznachbarn im Flugzeug anzuhören wurde damit belohnen, dass wir eine Mitfahrgelegenheit vom Flughafen in die Stadt angeboten bekommen hatten. Nachdem wir abgeschätzt hatten, ob wir auf die Ehrlichkeit der beiden jungen Männer vertrauen sollten, wurden wir eine halbe Stunde lang in die nächste Stadt und zu unserer Unterkunft gefahren. Das lag nicht einmal auf dem Weg unserer beiden Fahrer, dennoch haben sie sich freudig in den Straßen Georgiens zu unserer Adresse durchgefragt und uns sicher dort abgeliefert. Das für sich war schon sehr nett. Besonders erfreut hat uns jedoch, dass wirklich keine Gegenleistung verlangt wurde (wie es sonst häufig der Fall ist). Auch kein Fragen nach der Handynummer, Kontakt in Zukunft oder irgendeine andere Art von Aufdringlichkeit.

Vielleicht ist es auch schade, dass das etwas Besonders ist, aber es war dennoch ein positives Beispiel.


30) Die Reise eines Portemonnaies

“Jetzt hab ich auch eine Geschichte 🙈

Ich und ein Freund sind gerade in Südostasien unterwegs und trampen zur Zeit durch Vietnam. Gestern haben wir ein Portemonnaie mit Führerschein und Kreditkarte im Auto einer Mitfahrgelegenheit vergessen. Uns ist dies erst 100km später aufgefallen, als wir schon bei der nächsten Mitfahrgelegenheit unterwegs waren. Wir wussten gar nichts, keinen Namen, Kennzeichen oder wohin das Auto gefahren ist. Also sind wir die 100km zurück getrampt und haben die Leute in der Stadt, wo wir ausgestiegen sind, gefragt ob sie den Mann irgendwie kennen oder uns weiterhelfen können. Sie haben unser Problem auf Facebook geteilt und so hatte sich die Nachricht sehr schnell verbreitet, dass zwei Ausländer aus Deutschland ein Portemonnaie verloren haben. Im gleichen Moment hatte unsere Mitfahrgelegenheit das Portemonnaie gefunden und hat ebenfalls gepostet, dass er das Portemonnaie von zwei Ausländern hat. Nachdem wir zweimal zum Essen eingeladen wurden haben wir schließlich über fünf Ecken und mit ganz viel Hilfe und freundlichen Einheimischen endlich unser Portemonnaie wiederbekommen, das uns ein Busfahrer gebracht hat.

Ich hoffe es kommt irgendwie verständlich rüber 🙈😂 Es war sehr verwirrend und ganz genau wissen wir auch nicht, wie das Portemonnaie wieder zu uns gefunden hat 🙈”

Das ist eine Geschichte in der Menschen sich besser verhalten als ich es erwarten würde- es ist wunderschön zu hören. Kommunikation ist alles.


29) Beeindruckend?

Diese Geschichten regen zum Nachdenken an- wo fängt Menschlichkeit an?

“Die eine Geschichte hat mich auf die Idee gebracht, dir eine Begebenheit zu schildern, die eine gewisse Parallele aufweist. Ich laufe dabei allerdings Gefahr, den unangenehmen Geruch des Eigenlobs zu verströmen. Tatsächlich geht es mir aber um die Frage: Weshalb tut ein Mensch Gutes?

“Mein in Tannenberg im Erzgebirge lebender Onkel Karl hatte den Ersten Weltkrieg heil überstanden, seine drei Söhne den Zweiten Weltkrieg jedoch nicht. Einer starb in Frankreich, der andere in der Ukraine, der dritte verhungerte in sowjetischer Gefangenschaft.

Jahrzehnte später war ich in Tannenberg zu Besuch. Onkel Karl, der inzwischen über achtzig Jahre alt und verwitwet war, zeigte mir ein Schreiben des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass die Gebeine seines in Le Havre gefallenen Sohnes auf einen zentralen deutschen Soldatenfriedhof hundertfünfzig Kilometer westlich von Paris umgebettet worden waren. Ich sagte: ‘Onkel Karl, da fahren wir hin’. Als Rentner durfte er uns in Stuttgart besuchen [die Erzählung handelt von vor der Wende, als dies nicht selbstverständlich war], und so unternahmen wir zu zweit eine große Frankreichtour. Wir übernachteten in der Nähe von Sacré-Cœur, besuchten den Eiffelturm und andere Sehenswürdigkeiten und fanden nach unserer Weiterreise die Grabstelle meines Cousins auf dem riesigen Feld. Irgendwie hatten wir das Bedürfnis, auch Le Havre kennenzulernen. Dort gerieten wir in Strandnähe in eine volksfestartige Veranstaltung. Man feierte den Jahrestag der Landung in der Normandie.

Auf dem Heimweg machten wir noch einmal Halt in Paris. In einer Kneipe erlebten wir, dass zwei Kellner einem ärmlich wirkenden Gast das Jackett auszogen und einbehalten wollten, weil der nicht bezahlen konnte. Spontan mischte ich mich ein, fragte, um wie viel es ginge, und bezahlte den Betrag. Später habe ich mich gefragt, ob ich das nur tat, um meinem Onkel Karl zu imponieren. Zunächst verneinte ich es. Als ehemaliger Hitlerjunge bin ich in jungen Jahren immer schuldbewusst ins Ausland gereist und hätte als patriotisch denkender Mensch wohl gern die Gelegenheit genutzt, uns Deutsche in etwas positiverem Licht erscheinen zu lassen. Aber hätte ich, allein in einer deutschen Gaststätte sitzend, ebenso gehandelt? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.”


28) Bringt es jetzt noch etwas?

Zuzugeben dass man falsch lag oder sich zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht richtig verhalten hat ist nicht einfach. Sich selbst und den eigenen Stolz zu überwinden, einen Fehler sich selbst und anderen gegenüber zuzugeben. Nicht jeder macht das. Und nicht in jeder Situation.

Ich glaube an diese Sprüche wie “besser spät als nie” und “es ist nie zu spät so zu sein, wie du gerne gewesen wärst” (auch wenn ich mich gerade nicht erinnere, wer das gesagt hat). Es kann sein dass es eine ganze Weile dauert, aber es ist es trotzdem wert gesagt zu werden, wenn einem klar wird, dass man einen Fehler gemacht hat.

Ohne groß ins Detail zu gehen, vor kurzem habe ich die Erfahrung gemacht wie jemand mir nach Monaten mitgeteilt hat, dass er unglücklich mit dem eigenen Verhalten ist und es gerne erklären würde. Es klang wie eine Entschuldigung. Das schätze ich.


27) Übergabe von Hamburg nach Hannover

Heute habe ich eine durchaus ungewöhnliche Übergabe miterlebt— nicht mit der Post, sondern mit der Deutschen Bahn.

Während des Einsteigens von Passagieren in den Zug in Hamburg hat ein Mann ganz aufgelöst versucht eine Bekannte am Telefon zu erreichen. Diese arbeitete an einem Filmprojekt und hatte das Ladegerät der Kamera anscheinend vergessen- jedenfalls war es in der Hand des besagten Mannes in Hamburg und sie war in Hannover. Jetzt hatte er laut überlegt, das Ladekabel in den Eingang des Waggons zu legen, damit seine Bekannte es sich in Hannover am Gleis kurz aus dem Zug holen kann. Da kamen ihm zwei junge Menschen zu Hilfe. Die Frau, deren Freund ihr mit dem Gepäck in den Zug geholfen hatte, bot an das Kabel zu nehmen und in Hannover der Bekannten zu geben, wenn sie rechtzeitig am richtigen Gleis wäre. In kürzester Zeit entschied sich der Mann für das Angebot, in letzter Minute trafen sie eine Abmachung. Die Wagennummer wurde noch schnell aufgeschrieben, Telefonnummern ausgetauscht. Der Zug war voll, kurz davor abzufahren.

In Hannover stand die Helferin dann bereit und stieg kurz aus dem Zug, das Ladegerät in die Höhe haltend während neue Passagiere zum Eingang strömten. Sofort fand sich die dankbare Abnehmerin. Ein herzliches “Danke”, ein “Gern geschehen”, und dann stieg die Reisende wieder zurück in den Zug. Und weiter ging die Fahrt.

Ein Vertrauensvorschuss kann sich auszahlen. Gute Taten müssen gar nicht viel kosten, oder anstrengend und kompliziert sein. Aber sie können viel ausmachen.


26) Gute Absichten

„Aus persönlichem Erleben kann ich etwas berichten, das zwar nicht als menschliche Tat, aber doch als menschliche Haltung gewertet werden kann und meine Mutter betrifft, die leider nur 45 Jahre alt geworden ist. Du hast sicher vom missglückten Attentat auf Adolf Hitler gehört, das, wäre es gelungen, höchstwahrscheinlich Millionen Menschen das Leben gerettet hätte. Es ist bekannt, dass vom 20. Juli 1944 bis zum 8. Mai 1945 mehr Menschen ihr Leben verloren haben als in all den Kriegsjahren davor. Der Gang der Weltgeschichte hängt oft von banalsten Zufälligkeiten ab, das zeigt sich immer wieder.

Meine Großeltern und die Verwandten mütterlicherseits wohnten im oberen Erzgebirge zwischen Annaberg-Buchholz und Geyer. Obwohl die Entfernung per Straße von meinem Geburtsort Eppendorf aus kaum mehr als 40 km beträgt, mussten wir, um dorthin zu kommen, mit zwei Schmalspurbahnen und zwei Normalspurbahnen fahren. Das war für mich als Kind jedes Mal eine aufregende Sache und mit viel Vorfreude verbunden. Nach dem Attentat auf Hitler wurde ein Carl Friedrich Goerdeler steckbrieflich gesucht. Der war einmal Oberbürgermeister von Leipzig gewesen und nach geglücktem Attentat als provisorisches Staatsoberhaupt vorgesehen. Auf ihn war eine Million Reichsmark als Belohnung für Hinweise ausgesetzt, die zu seiner Festnahme führten.

Die Million hätte mich als Zwölfjährigen schon gereizt, aber meine Mutter sagte mir vor Antritt unserer Reise ins Erzgebirge, dass sie ihn, sollte er in unserem Abteil sitzen, niemals verraten würde. Eine Begründung hat sie mir nicht gegeben, denn es war in der damaligen Zeit für Eltern äußerst gefährlich, sich gegenüber Kindern politisch zu äußern. Die verplapperten sich leicht gegenüber Lehrern oder HJ-Führern oder wurden durch Suggestivfragen dazu gebracht, sich über Erwachsene zu äußern.”

Auch wenn besagter Goerdeler letzten Endes gefasst und hingerichtet wurde ist es dennoch schön zu wissen, dass es Menschen gab die jemanden wie ihn geschützt hätten.


25) In der Warteschlange helfen

Vor einer Weile bekam ich diese Nachricht:

“Dein Beitrag von dieser Woche erinnert mich an eine Situation beim Metzger:

Eine lange Menschenschlange an der Heißtheke wartet auf ihr Mittagessen. Daneben schaut sich eine zierliche, ausländisch aussehende Frau, umzappelt von einem kleinen Jungen, die Speisen an. Man sieht ihr an, dass sie im Kopf nachrechnet. Auch ihre Kleidung spricht nicht von Reichtum. Das dauert eine ganze Weile. Als sie der Verkäuferin ihre Bestellung aufgibt, fängt diese an, die verschiedenen Fleischküchle abzuwiegen – und schüttelt ein ums andere Mal den Kopf, alle zu schwer für das bereit gelegte Geld. Trotzdem reicht sie eines über den Tresen. Die Frage aber nach einem Brötchen verneint die Verkäuferin: „Ich habe eh schon zu viel Fleisch gegeben”…

Ein Mann in der wartenden Schlange ruft spontan von hinten: „Nun geben sie ihr das Brötchen, ich werde es bezahlen!“ – Er war schneller als ich, denn genau das hatte ich auch vor…“

Und so verbreiten sich die Geschichten und lassen uns weitere positive Dinge wahrnehmen. Wie schön mit anzusehen!


24) Ein großer Parkplatz

Es ist immer schön von positiven Ereignissen und Begebenheiten zu hören. Und ich freue mich dass sie nun so häufig an mich weitergetragen werden, wie vorige Woche:

„Ach, du brauchst doch immer Geschichten:

Vorgestern Abend, es war schon dunkel, war ich auf dem Weg nach Hause, da sprach mich eine Frau an ob ich mich in Erfurt auskenne. Na klar kenne ich Erfurt!

Sie hatte ihr Auto auf einen großen? (was ist groß?) Parkplatz gestellt und findet diesen Parkplatz jetzt nicht wieder. Ich bin doch heute allein, habe Zeit und so habe ich mich mit ihr auf den Weg gemacht um das Auto wieder zu finden. Wenn man weiß, wo in der Innenstadt Parkplätze sind dann findet man nach einiger Zeit auch den richtigen.

Ach, was hat die sich gefreut!“


23) Getauft mit Nächstenliebe

Der pensionierte Abt eines regionalen, noch aktiven Klosters genoss seinen wohlverdienten Urlaub auf einer sonnigen Parkbank. Eine ältere Dame gesellte sich zu ihm, die einen gepflegten Eindruck auf ihn machte. Nach einiger Zeit fragte er die Dame, ob sie gottgläubig sei. Verwundert wollte sie den Grund der Frage wissen. Lächeln antwortete der Abt: „man müsse eine sehr gute Beziehung zum Herrgott haben, um mit so viel Schönheit ausgestattet zu werden.“ Das Gespräch nahm seinen Lauf und der Abt erzählte von seinem Kloster und den Bemühungen die es gekostet hatte, es in einen sehenswerten Zustand zu versetzen. Selbst der Taufstein der Kirche wurde erneuert. Nun fehle nur noch eine spezielle steinerne Figur zur Komplettierung des Taufsteins. Lächelnd erwähnte die interessierte Zuhörerin, dass sie möglicherweise helfen könne, da sie in dieser Richtung künstlerisch tätig sei. Das sei sicher kaum möglich, erwiderte der Abt, denn die finanziellen Möglichkeiten seines Klosters würden maximal für die Hälfte des zu erwartenden Preises für das Kunstwerk reichen. Damit wollte der unaufdringliche Geistliche das Thema beenden. Nicht aber die ältere Dame. Sie hatte Gefallen an dem Gespräch gefunden und ihr Herz öffnete sich spontan. Sie einigten sich auf einen Freundschaftspreis und der Auftrag wurde „bankkonform“ auf einer Parkbank vereinbart.

Inzwischen ist das Werk vollendet und ziert den Taufstein mit den Worten: „EIN AKT VON NÄCHSTENLIEBE“


22) Wiener Straßentanz

Es ist Mitte Herbst, abends um sieben ist es bereits dunkel und Wien wird nur von hellen Laternen erleuchtet. Tausende von ihnen, genauso wie die Menschen die auch unter der Woche durch die Innenstadt der Großstadt ziehen. Wir fahren ein paar Stationen mit der U-Bahn, dann steigen wir an unserer Haltestelle aus, stellen uns auf die Rolltreppe, fahren ein Stockwerk höher. Dort sehen wir schon die Treppe zum Ausgang der Station. Und wir sehen eine ältere Dame beim Tanzen.

Der Ausgangsbereich der U-Bahn Station ist als Platz für Straßenmusiker reserviert. Heute Abend hat ihn ein Rapper eingenommen. Größere Aufmerksamkeit als er selbst bekommt jedoch eine Frau älteren Jahrganges in einer leuchtend rosa Jacke, die sich vorsichtig aber mit viel Enthusiasmus zu der Musik bewegt. Während viele andere vorbeilaufen, vielleicht einmal kurz lächeln, genießt sie die Musik und tanzt. Für sich selbst, und mit anderen. Sie hebt ihren Gehstock und wippt im Takt des Gesangs, sie nähert sich einer Gruppe junger Leute die sich über sie freuen und fordert sie tanzend auf, es ihr gleichzutun.

Wann erreicht man dem Punkt in seinem Leben, in dem man sich nicht um das schert was andere denken, sondern einfach man selbst ist? Die Frau hat an dem Abend sicher viele Menschen zum Lächeln gebracht.


21) Mein Englisch Lehrer

Dies ist eine historischere Geschichte aus den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg- ein Bekannter hat sie mir beschrieben und ich werde versuchen sie kurz wiederzugeben:

Sie handelt von einer besonderen Art von Nachbarschaftshilfe. Beziehungsweise versuchter Nachbarschaftshilfe.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Russischen Besatzungszone in Deutschland sehr radikal gegen NSDAP Parteimitglieder vorgegangen. Auch Beamte, die im Dritten Reich in die Partei eingetreten waren um arbeiten zu dürfen, verloren nun ihre Stellen, wurden für schwere Arbeiten zwangsverpflichtet oder sogar verhaftet. Aus dieser Zeit stammen viele Geschichten von Spionage und Verrat, auch unter Familien, Freunden, Bekannten und Nachbarn. Doch es gibt auch Beispiele unerwarteter Hilfe und davon handelt diese Geschichte.

H. war Englischlehrer an der örtlichen Hauptschule gewesen, er zählte zu den Lehrern, die nur der NSDAP beigetreten waren, um ihren Beruf ausüben zu dürfen. Deswegen wurde er später zu Zwangsarbeit im Kohleabbau verpflichtet. Er galt, auch in den späteren Jahren, als verschlossen, kauzig und menschenscheu, nicht als die Art Mensch der man eine mutige, selbstlose Tat zutrauen würde. Und dennoch brachte er sich für seinen Nachbarn in Gefahr. Ohne dass ein besonders vertrautes oder freundliches Verhältnis zwischen den beiden bestanden hätte, es war nicht mehr als korrekt, aber kühl. Und dennoch versuchte er zu helfen.

Sein Nachbar W. wurde verhaftet, aufgrund seiner NSDAP Mitgliedschaft die er als Standesbeamter haben musste. Dieser war selbst als ein Mensch bekannt, der keinem anderen etwas zuleide tun könnte.

Erst nach H.’s Tod wurde aus seinem Nachlass bekannt, dass er sich gleich zweimal in Briefen für die Freiheit seinen Nachbarn W. eingesetzt hatte- ohne es bekannt zu machen, ohne in einem freundschaftlichen Verhältnis mit diesem zu stehen. Vehement und mit ausführlicher Begründung hatte er für W.’s Freilassung argumentiert. Und obgleich er keinen Erfolg hatte, ist allein der Versuch in der damaligen Situation keine Selbstverständlichkeit gewesen. Sondern eine unerwartet uneigennützige Tat für einen Bekannten.

Spätere Generationen können sich kaum vorstellen, unter welchem Druck die Menschen gerade in Kriegsjahren und in den darauffolgenden Jahren standen. Wer es trotz schärfster Strafandrohung trotzdem gewagt hat, anderen Menschen zu verteidigen oder zu helfen, ist daher jemand Besonderes.


20) Zivilcourage

In dieser Geschichte geht es vor allem um Zivilcourage wie sie im Buche steht.

Erst vor kurzem habe ich in den Nachrichten wieder davon gelesen, dass zunehmend das Filmen von Unfällen anstatt zu helfen ein Problem ist. Wenige Tage später habe ich jedoch miterleben dürfen, dass es auch anders aussehen kann.

Wir waren zu dritt mit dem Fahrrad auf einer mehrtägigen Tour unterwegs. Am Morgen des zweites Tages regnete es in Strömen, kurz nach neun wurde die Sintflut jedoch weniger. Nachdem  der Regen gestoppt hatte brachen wir direkt auf. Doch durch ein Zusammenspiel mehrerer unglücklicher Umstände kamen wir nicht einmal bis zum Ausgang des Dorfes. Die noch nasse Straße, die steile Abfahrt, die scharfe Kurve, das einseitig beladene Fahrrad ohne Mountainbikereifen- es war wie in einem Film in Slow Motion anzusehen wie das Rad wegrutschte und meine Freundin auf der Straße landete. Und wenn von drei Leuten zwei einen Helm tragen, trifft es bestimmt die Person ohne Helm. Nicht in der Lage den Schwung komplett auszugleichen schlug sie mit dem Hinterkopf einmal kurz auf der Straße auf.

Das ist der erste Moment in dem man noch hofft, dass es gar nicht so schlimm war- bis man das Blut sieht und nur weiß, dass man schnell helfen muss. Sofort waren wir anderen beiden bei ihr- einer rief den Krankenwagen, der andere half unserer Freundin. Sie stützend und die Hände ganz rot, versuchte ich die Blutung zu stillen, wusste dann aber auch für ein paar Sekunden nicht weiter. In den ersten Momenten reagiert man automatisch, bis man weiß dass die Lage nicht lebensbedrohlich ist und Hilfe kommen wird. Es hieß auf den Notarzt warten, aber für ein paar Sekunden wusste ich nicht wie ich bis dahin am besten handeln sollte.

Und dabei kam uns die Dorfgemeinschaft und vorbeifahrende Mitmenschen zur Hilfe. Eine Autofahrerin hielt an und fragte ob wir den Erste-Hilfe Kasten aus dem Auto gebrauchen könnten. Eine hervorragende Idee! Zusammen mit einer weiteren Autofahrerin, die anhielt, half sie mir die Platzwunde zu verbinden. Andere boten Wasser oder Taschentücher an. Mehrere fragten ob wir noch Hilfe benötigten, ließen uns dann aber auch in Ruhe wenn wir erklärten dass jetzt alles unter Kontrolle sei. Niemand stand nur rum und sah zu, aber sie blieben auch ruhig und waren nicht zu viele. Ein Dorfbewohner brachte das Fahrrad, das wir nicht transportieren konnten, in die nächste Stadt zu dem behandelnden Krankenhaus.

Wir waren keine Sekunde ohne Unterstützung. Und das erfüllte mich mit Dankbarkeit und ich war froh es beobachten zu können: wie ohne zu zögern uns Fremde zur Hilfe geeilt sind. Selbstverständlich sollte man meinen, aber laut den Nachrichten wohl nicht für jeden. Wir haben das positive Beispiel in einem Moment von Unglück erlebt.


19) Der unsichtbare Bahnhofsheld

Eine weitere Bahnhofsgeschichte ist mir eingefallen, in der ich vor ein paar Jahren jemandem für seine Hilfe zu großem Dankbarkeit verpflichtet war.

Abermals nicht unbedingt eine meiner schlauesten Aktionen. Über Nacht bin ich mit dem Zug vom Arbeiten nach Hause gefahren. Dabei hatte ich zwischen 1 und 4 Uhr morgens einen Zwischenstopp in Schweinfurt. Ich hatte erwartet, dass dies eine größere Stadt (zumindest größer als sie sich dann herausgestellt hat) ist und der Bahnhof über Nacht nicht schließt. Doch genau das war der Fall. Es war Anfang März, zwar nicht mehr unter Null Grad nachts, aber dennoch sehr frisch. Die erste Stunde konnte ich tatsächlich auf einer Bank ruhen, danach aber wurde das dann doch sehr unangenehm. Das ist wieder so eine Geschichte bei der ich vielleicht voranstellen sollte: ich empfehle keinem, eine Nacht alleine auf einem Bahnhof zu verbringen! Das ist aber nicht der eigentliche Text, nur ein Hinweis auf meine Unbedachtheit (bzw. nicht durchdenken meines Plans). Meine Rettung für eine erträgliche Nacht kam in Gestalt eines Bahnhofsmitarbeiters, der mitten in der Nacht zum Saubermachen kam. Er fragte mich was ich am Bahnhof machte und wie lange ich zu warten hatte. Dann fragte er, ob ich in das Bahnhofsgebäude kommen wollte. Er schloss es auf und ich setze mich in das Foyer. Und auch als er fertig war mit Saubermachen und wieder ging, bot er mir an dort zu bleiben, bis mein Zug kommen würde. So konnte ich, auf dem Boden neben der Heizung, sogar ein klein wenig schlafen.

Wenn ich daran zurück denke bin ich dem Mann, dessen Gesicht ich nicht mal mehr weiß, noch immer dankbar für seine Hilfsbereitschaft, sein Vertrauen, und sein Mitgefühl anstatt mich zu kritisieren. Seine Tat war keine Selbstverständlichkeit.


18) Mitternachtssnack

Komplett übernächtigt komme ich mitten in der Nacht am Berliner Hauptbahnhof an. Hier werde ich vier Stunden verbringen müssen, bis mein Zug fährt. Bereits die letzte Nacht habe ich in verschiedenen Zügen auf dem Weg aus dem Norden in meine Heimatstadt verbracht, heute Nacht bin ich auf dem Rückweg. Die Gründe sind unwichtig für die Geschichte, ich habe diesen Aufwand jedenfalls gerne auf mich genommen. Dennoch frage ich mich, in der zweiten Nacht hintereinander ohne Bett, mit kaum Schlaf am Berliner Hauptbahnhof sitzend, wie ich jetzt die Zeit hier verbringe. Wenigstens bin ich hier vor der nächtlichen Kälte geschützt. Ich beschließe: wenn ich schon diese Anstrengung auf mich nehme, dann kann ich mir auch etwas gönnen. Ein Bäcker im Hauptbahnhof hat auch um Viertel zwei Nachts noch offen und ich hole mir ein Franzbrötchen, das ich mit auf die Bank an meinem Gleis nehme. Meine Wahrnehmung ist nicht mehr die aufmerksamste. Dadurch bemerke ich auch erst jetzt, als ich meine Brötchentüte öffne, das der Verkäufer mir noch zwei weitere kleine Gebäckstücke dazugetan hat. Ich hatte es nicht bemerkt und mich deswegen nicht einmal bedankt. Der Bäckereiverkäufer hat mich komplett mit diesem Geschenk überrascht. Leise, ohne Kommentar, ohne sich Anerkennung oder irgendeinen Dank einholen zu wollen, nicht mit der Aussicht irgendetwas zurück zu bekommen- einfach so hat er das gemacht.

Sehr süß, im wahrsten Sinne des Wortes.


17) Keine Kleinigkeit

Geschichten von kleinen Dingen und Gesten gefallen mir besonders- sie können in jedem Alltag stattfinden und können einem, wenn man sie bemerkt, auf einfache Weise einen ganzen Tag verschönern.

Ob man vor der Weiterfahrt sein noch gültiges Parkticket an andere weitergibt, wie es mein Mitreisender in Schottland getan hat.

Oder wenn man jemandem anderen etwas wiederbringt, was er verloren hat- auch wenn es nur die Trinkflasche oder 50 Pennies sind, zwei Beispiele die mir aus den letzten Wochen einfallen.

Oder das Weitergeben eines Pfandbons, wie mein Kollege das in der vergangenen Woche getan hat. Er meinte er hätte keine Lust gehabt die 100 m zum Einlösen des Pfandes zu laufen, dennoch finde ich dass auch Freundlichkeit in dieser Geste steckt. Es hat etwas damit zu tun, auch an andere zu denken.

Kleine Taten, die man nicht tun müsste, die aber einen selbst und andere erfreuen.

Jede kleine Geste von mir kann etwas Besonderes für mein Gegenüber sein.


16) Ja ja, ich höre dir zu…

Zuhören ist eine besondere Kunst. Gemeint ist aktives Zuhören, nicht nur Hinhören. So dass man dem anderen seine ganze Aufmerksamkeit schenkt, dass man wirklich interessiert daran ist was der andere sagt. Das hat uns Michael Ende schon in seinem wunderschönen Buch “Momo” ans Herz gelegt: richtig zuhören ist wichtig!

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen heute nicht mehr gehört wird, wenn sie etwas sagen. Oder ihnen nicht lange genug zugehört wird, weil scheinbar die Zeit fehlt. Oder vielleicht kommt es uns auch nur so vor, als hören die anderen nicht richtig zu. Beim Arbeiten begegne ich häufig Menschen, die nicht mit mir reden, sondern mir etwas erzählen wollen. Denn scheinbar haben sie niemanden, der sich das anhören möchte, was sie zu sagen haben. Ich erinnere an die allererste Geschichte, “Zuhören in Berlin”.

Zuhören kann man üben. In der Universität gibt es ein regelmäßiges Treffen, das sich genau damit beschäftigt. In der Gesprächsrunde kommt jeder einmal zu Wort und hat einen gewissen Zeitraum, um zu sprechen, sich etwas von der Seele zu reden oder auch nur irgendetwas zu erzählen. Und die anderen hören zu. Keiner darf unterbrechen, es wird nicht kommentiert, nur zugehört. Und häufig reicht das schon.

Eine ganz ähnliche Übung habe ich vor kurzem machen dürfen, in einem Seminar in dem es viel um gute Kommunikation ging. Wir sollten uns Rücken an Rücken mit einer zweiten Person setzen und dann hatte erst der eine, dann der andere zwei Minuten Zeit über irgendetwas zu reden. Und der andere hatte zwei Minuten Sendepause. Danach sollten wir die Kernaussage des anderen zusammenfassen.

Was ist passiert? Ich habe mich ganz auf die Erzählung meiner Partnerin eingelassen, weil ich wusste dass das jetzt ihre Zeit zu sprechen ist. Und ihre Erzählung hat meine Aufmerksamkeit ganz in Beschlag genommen. Weil man mit dem Rücken zueinander saß und die Akustik schlechter war, habe ich erst recht besser hingehört um auch nichts zu verpassen. Ich fand es eine gute Übung.

Das ist vielleicht eine etwas ungewöhnliche Erzählung, nicht direkt eine Geschichte, aber ich bin mir sicher gutes Zuhören bringt uns ein ganzes Stück zusammen weiter.


15) Reisegeschichten walisischer (und französischer) Menschlichkeit 

Auf Reisen, wenn man nicht in dem gewohnten Umfeld ist, fallen einem besondere Gesten mehr auf- deswegen kann ich euch von ein paar neuen Reisebegegnungen erzählen. Begegnungen von einfacher Hilfsbereitschaft und Empathie. Vielleicht sind die Waliser, deren Land ich besucht habe, aber auch einfach besonders freundliche Menschen.

Ich kam abends mit dem Zug am Rand eines kleinen, walisischen Dorfes an und wollte den Bus in die Ortsmitte nehmen. Wie ich auf die Bushaltestelle zugehe, schließt der Bus die Türen und fährt langsam los. In meinem deutschen Gehirn dachte ich, dass ich den Bus verpasst habe und ich wende mich in die entgegengesetzte Richtung, um den Weg ins Dorf zu laufen.

Ein vorschnelles Urteil. Einen Moment später hupt es hinter mir. Die Busfahrerin öffnet die Tür und sagt, dass sie mir und meinem schweren Rucksack nur entgegenfahren wollte. Der Vorfall mag für sie nichts bedeutet haben und sie hat ihn wahrscheinlich schon wieder vergessen. Aber mir ist es als etwas Besonderes in Erinnerung geblieben.

Einen Tag später, nach einer langen Wanderung und einer weiteren Busreise, habe ich abends noch nach einer Unterkunft gesucht. Da ich zuvor nicht wusste, wo ich hingehen würde, hatte ich nichts im Voraus gebucht und bin auf gut Glück im Regen zu einer Unterkunft gelaufen. Es war ein Risikospiel- das zuerst so aussah, als hätte ich es verloren, denn es war nichts mehr frei. Doch die beiden Franzosen, die in dem Farmhaus zur Miete wohnten haben mich sofort aus dem Regen in ihre Unterkunft gebeten und mir einen warmen Tee angeboten. Dann haben sie mit den Vermietern geredet, ob ich dort bleiben kann (denn bei Ihnen waren noch mehrere freie Betten). Die Vermieter haben es ihnen überlassen- und ich hatte zwei spontane, aber sehr nette und unkomplizierte Gastgeber.

Einfach so- aus Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit- wie man es auch nennen möchte.


14) Vom Willen zu Helfen

In dieser Erzählung geht es um Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer. Ein klassisches Bild für mich, wenn ich an das Ziel dieses Projektes denke. Und es ist eines, das hoch diskutiert wird. Darüber, was es für Signale aussendet.

Für mich sind einige der Signale Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Denn die Helfer bekommen kein Geld dafür oder Zertifikat für ihren Lebenslauf und von vielen Menschen und Institutionen auch kein Verständnis oder Unterstützung. Was ist es also dass sie antreibt, so etwas zu machen? Menschlichkeit, würde ich sagen.

Ein Bekannter, E., ist 2017 zu einem Seenotrettungseinsatz gefahren. Für ihn war es ein Schreckensbild, das ihn dazu bewegt hat, selbst aktiv zu werden: ein weit bekanntes Bild eines  toten Kindes, dessen Körper an einem Strand des Mittelmeeres angespült wurde. Die stumme Aussage, Symbol der Unschuld von Kindern und Endgültigkeit des Todes, hat viele berührt. Für E. hieß es, dass er solche Katastrophen nicht länger zulassen wollte. “Wir sind eine Menschenfamilie”, sagt er.

So kam er zu der Freiwilligenarbeit für eine Nichtregierungsorganisation, für die er nicht zum Urlaub machen sondern zur Unterstützung bei der Seenotrettung an das Mittelmeer kam. Dort hat er mit einer Gruppe anderer Helfer die Küste vor Libyen abgesucht. Seenotrettung heißt in lebensbedrohlichen Notfällen auf See, einzugreifen. Schwimmwesten und Wasserflaschen werden an die oft schlecht ausgerüstet und -informierten Flüchtende in den Booten verteilt und die Seenotrettungsleitstelle benachrichtigt. Selber wird kein Transport durchgeführt. Das führt aber schon zu schweren ethischen Fragen, vor allem bei medizinischen Notfällen. Die Helfer auf den Booten müssen sich vor ihrem Einsatz bewusst sein, dass sie möglicherweise nicht jedem helfen werden können. Medizinische Notfallversorgung ist zwar vorgesehen, doch es kann auch schon zu spät für manche sein- und auch wenn man allen helfen will, sollte man nicht Ressourcen für verlorene Fälle verwenden. Auch das gehört dazu und jeder muss sich vorher die Frage stellen, was er verträgt und wozu er bereit ist. Denn wie so vieles ist auch Menschlichkeit kein einfaches Konzept, sondern eines mit verschiedenen Gesichtern und Betrachtungsmöglichkeiten.

E. und seine Mithelfer kamen dann letzten Endes trotz all der wachen Augen nicht zum Einsatz, wie auch andere Hilfsorganisationen in dem Zeitraum. Hintergrund dafür waren die verschärften Maßnahmen der libyschen und der italienischen Küstenwache, die die Seenotrettung für sie unmöglich gemacht haben. Und dennoch- durch Berichte von Bekannten wie ihm sind einem die Bilder aus den Nachrichten plötzlich ganz nah. Und man kann sich selber fragen: was für ein Mensch will man sein?

Foto: SK
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13) Wenn andere dir aufstehen helfen

Diesmal keine großen Worte davor, nur so viel: manchmal muss man erstmal tief fallen, bevor sich andere Menschen zeigen.

“Menschlichkeit – was ist das schon? Ist es nur Positives? Ein Zyniker würde sagen, es ist nur Schwäche. Ich denke die Antwort liegt irgendwo dazwischen. Mein Freund ist spielsüchtig. Als er mir das vor einem Jahr erzählt hat wusste ich überhaupt nicht was das bedeutet. Und als er im Juni rückfällig wurde, seinen gesamten Monatslohn verlor und wir beide für ein paar Wochen Essen stehlen mussten, da war mir immer noch nicht klar, dass es ein Problem sein würde. Es war mehr wie ein Abenteuer. Dann kam eine harte Zeit. Sein BAföG war spät dran. Das war im September. In den folgenden Monaten war irgendetwas anders. Wir waren fast wie Fremde. Doch das Geld war nicht spät dran, er hat es bloß verloren und sich zusätzlich verschuldet und sein Essensgeld, von mir irgendwie zusammengekratzt, war auch weg. Das habe ich herausgefunden als ich ihn im November gefunden habe, ausgehungert und mit Schnürsenkeln um den Hals. Und in all dem Chaos soll Menschlichkeit sein? Ja, eine Menge! Denn wir sind immernoch zusammen, und uns geht es super, besser als je zuvor! Denn wir haben die besten Freunde auf der Welt. Freunde, die uns Essen und Geld gaben, die mir halfen unsere kaputte Welt wieder aufzubauen, Menschen ohne die wir uns unser Leben nicht vorstellen können. Egal was passiert, mein Freund und ich, wir haben einander und nach all dem Leid können wir alles miteinander teilen. Und wir haben die klügsten, verständnisvollsten und lustigsten Freunde, mit denen wir Sport und Theater und Blödsinn machen. Völlig unbeschwert und abgedreht. Was ich damit sagen will? Menschlichkeit sind extreme Tiefen, aber Menschlichkeit ist auch Vertrauen und Teamarbeit und Wärme. Und wenn du genau hinschaust, kannst du deine eigene Menschlichkeit finden.”

Die Erzählung und Gedanken einer Freundin


12) Daumen raus auf dem Weg

Ich habe es schon einmal angeschnitten: den verschiedensten Menschen begegnet man auf Reisen und wenn man unterwegs ist- und ebenso vielen verschiedenen Charakteren und Einstellungen. Viele dieser Begegnungen haben mir auf meinem Weg geholfen weiterzukommen-  das ist genauso im übertragenden wie auch im direkten Sinn gemeint.

Zum Beispiel beim Trampen. Ich habe mich immer nur gemeinsam mit Freunden an die Straße gestellt und mit ihnen viele hilfsbereite und interessante Leute getroffen. Manchmal mussten wir Stunden warten, andere Male wurden wir bei der ersten Gelegenheit mitgenommen. Mal funktioniert es besser, mal weniger, aber die Leute waren alle sehr besonders.

Da war das junge Pärchen mit dem kleinen und bereits voll gepackten Auto, das uns trotzdem noch hat einsteigen lassen. Mit ihnen haben wir Ratespiele gespielt- die Hauptstadt zu einem Land erraten und dergleichen.

Eines Abends, als wir schon eine ganz schöne Strecke zurückgelegt hatten und recht erschöpft waren, so dass wir nur noch einen Bus zu unserem Zielort nehmen wollten, haben uns doch noch zwei junge Gleisarbeiter auf dem Rückweg von ihrer Arbeit mitgenommen. Nicht nur bis zu unserem Zielort, sie haben uns sogar zu einem passenden Platz zum Zelten an einen See in der Umgebung gefahren. Das hatte auch für sie etwas überaus positives- denn auf dem Weg haben sie festgestellt, dass es an diesem Sommerabend eigentlich eine gute Idee ist, nach der Arbeit noch in ebendiesen See zu springen. Man könnte sagen, dass wir ihnen so etwas etwas von unserer Reise zurückgegeben haben.

Das erste Mal in einem LKW mitzufahren war ein besonders interessantes Erlebnis, weil ich keine Ahnung vorher hatte, wie diese Langstreckenfahrer so leben, nur Geschichten gehört hatte. Er hat mich nicht nur hunderte von Kilometern weit mitgenommen, sondern mich auch zum Mittagessen unterwegs eingeladen und sich die Mühe gemacht, in der Zielstadt auch einen möglichst guten Platz für mich zum absetzten zu suchen- trotz der extra Umstände für ihn.

Und wann immer mein Sitznachbar ein Hund war, war die Fahrt ohnehin ein besonders schönes Erlebnis für mich.

Erst letztes Jahr gab es wieder viel Diskussion um das Trampen, als ein Mädchen auf dem Weg von Deutschland nach Spanien verschwand. Deswegen, an alle um meine Nachricht deutlich zu machen: Natürlich ist Trampen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Das hier ist keine Aufforderung, mir alles nachzumachen. Kopf einschalten und darauf hören. Und vor allem Kinder, bitte nicht bei fremden Leuten die euch dazu einladen ins Auto einsteigen!

Aber wie immer möchte ich lediglich zeigen, dass positive Dinge existieren, dass Gutes passiert, auch wenn davon nicht immer berichtet wird. Welcher Sender würde schon die Nachricht bringen “Heute ist eine Tramperin gut angekommen”? Und trotzdem ist es genau das, was wir ebenso hören sollten. Es gibt die hilfsbereiten Menschen noch genauso wie früher, die einem den Tag auf eine Weise verschönern, wie das eine normale Busfahrt nicht gekonnt hätte.

Man kennt andere Menschen nie bevor man sie trifft. Das klingt vielleicht banal, aber irgendwie muss man doch andere Menschen kennenlernen. Manchmal über seinen Schatten springen. Deswegen empfinde ich Dankbarkeit gegenüber denjenigen Menschen, die mich ein Stück auf meiner und ihrer Reise mitgenommen haben.


11) Arbeiten für das Leben

Familie sollte selbstverständlich füreinander da sein. Und Freunde sind wie eine Familie, die man sich selbst aussucht. Doch dort, wo man es nicht erwartet, freut einen Mitgefühl und Unterstützung wohl am meisten. Eine Freundin hat eine Erfahrung geteilt, von einer Frau die über ihre Pflicht bei der Arbeit hinausgeht, anderen Menschen zuliebe.

“Vor knapp 3 Wochen ist mein Opa gestorben. Heute habe ich meine Oma besucht. Gleichzeitig hatte sie Besuch von einer Person, die ich nicht weiter kannte. Es handelte sich um eine mobile Pflegekraft, die, nachdem mein Opa vor 2 Jahren mehrere OPs hatte, bei ihm die Verbände gewechselt hatte und regelmäßig alles kontrollierte. Seit Mitte 2018 war mein Opa keine Patient mehr von ihr. Trotzdem hat sie meine Großeltern regelmäßig besucht, mit ihnen Kaffee getrunken, geredet. Und auch heute war sie eine große Stütze für meine Oma. Das alles, obwohl sie selbst Familie hat, obwohl es nicht ihre Arbeitszeit ist, obwohl sie halb so alt wie meine Oma ist. Und in diesem Beruf, in dem sie so unter Zeitstress und Druck steht. Es zeigt, mit wie viel Leidenschaft diese Menschen ihren Beruf ausüben und wie sehr sie sich für ihre Patienten aufopfern, auch weit über ihre Arbeitszeit hinaus. Ein schönes Beispiel von Menschlichkeit, finde ich.”


10) Kuchen und der Obdachlose- Teil 2

Diese Geschichte wird ist kein Wiederholungsfehler, sondern ein Beweis dafür, dass Geschichten wirklich Veränderung bewirken können. Von wie vielen sie gelesen werden, weiß ich nicht und wie viele sie sich zu Herzen nehmen kann ich unmöglich messen. Aber  mich bewegen sie jedes Mal und ich lerne aus ihnen. Schon von den ersten Erzählungen und Nachrichten an, die mich erreicht haben, hatte sich der Aufwand für mich gelohnt. Daraus ist irgendwann auch aktives Handeln und die folgende Begebenheit entstanden:

Erinnert ihr euch an die Geschichte vor wenigen Wochen “Indigo, Kuchen und der Obdachlose” (19.02.19)? Behaltet sie im Hinterkopf.

In vielen Städten gibt es inzwischen Ansätze gegen Lebensmittelverschwendung in Restaurants. Hier in der Stadt bezahlt man beispielsweise über eine App einen kleinen Beitrag und bekommt dann eine Reihe von Resten mitgegeben. Man weiß nie was übrig bleibt und man von daher mitnehmen kann. So war es auch für mich eine Überraschung, was ich in dem Café, wo ich Übriggebliebenes des Tages abgeholt habe, bekommen würde. Unter anderem war ein Stück Möhrenkuchen dabei.

Wegen der Fastenzeit wollte ich zu dem Zeitpunkt keinen Zucker essen. Als ich dann später vor dem Supermarkt an einem obdachlosen Bettler vorbei gekommen bin, kam mir deswegen der Gedanke, dass er viel mehr von dem Kuchen haben würde als ich. Nach einem kurzen Moment des Zögerns bin ich zu ihm gegangen und habe ich ihn gefragt ob er ihn haben möchte. Er hat ihn angenommen und sich bedankt.

Es war nichts besonderes, aber ich war froh, jemandem anderen eine Freude gemacht zu haben. Und auch wenn mir erst im Nachhinein die Ähnlichkeit zu der Geschichte von Indigo’s Tat aufgefallen ist, bin ich mir sicher dass sie doch zu der Entscheidung beigetragen hat, da ich mich gedanklich doch viel mit den Geschichten beschäftigt habe.

Meine Botschaft ist nicht dass die Welt durch Kuchen verschenken gerettet werden kann (obwohl, vielleicht gar keine schlechte Idee). Aber das kleine Schritte das Leben sicher etwas schöner für alle machen. “Jeder Mensch hat die Chance, mindestens einen Teil der Welt zu verbessern, nämlich sich selbst” soll Paul de Lagarde gesagt haben- wenn ich schon so ein Projekt auf die Beine stelle, fange ich doch am besten bei mir selbst auch an.


9) Tischtennis dreisprachig

Ich weiß, dass es jedes mal ein umstrittenes Thema in verschiedenen Hinsichten ist, aber es hält auch so viele schöne Geschichten bereit: nachdem im Herbst 2015 viele Flüchtlinge nach Europa kam, gab es viele menschliche Taten auf verschiedenen Seiten. Von einigen seiner Erfahrungen hat ein Freund berichtet:

“Heute habe ich wieder die Flüchtlinge auf der Messe mit dem Austeilen von Tee und Essen unterstützt und was einige Leute glauben wie es da oben zugehen soll, es ist nicht wahr!

Die meisten von ihnen sind so freundlich, sie versuchen unsere Sprache zu lernen und ich wünschte, ich könnte ein paar Fremdwörter so schnell, wie einige dieser Kinder lernen! Ich gebe mein Bestes und versuche ein paar Worte Arabisch mit ihnen zu sprechen und dann sind sie noch freundlicher mir. Sie helfen mir mit den Wörtern die ich nicht kenne und sie fragen mich wie es mir geht, aber sie sind immer noch erstaunt wenn ich versuche Arabisch mit ihnen zu sprechen, weil sie es einfach nicht glauben können.

Wenn man alleine schon das Lächeln auf ihren Gesichtern sieht und ihre Dankbarkeit für unser Helfen spürt, weiß man, dass es sich lohnt, zu helfen!

Jeden Tag den ich da bin schließe ich neue Freundschaften und versuche mir die unbekannten Namen und Gesichter zu merken und am besten ist einfach wenn ich Tischtennis mit ihnen spielen kann! Versucht mal den Spielstand in drei Sprachen, Deutsch, Englisch und Arabisch anzusagen und zu üben und euch nebenbei aufs Spiel zu konzentrieren…

Meine beste Erfahrung bisher war aber heute: Einige Freunde hatten ihr eigenes Essen gekauft (in der Regel bekommen sie das Essen von der Kantine), es war Humus und Fladenbrot und luden mich ein mit ihnen zu essen. Sie, die fast alles verloren haben, teilen mit mir ihr Mittag, einfach unglaublich und wirklich belohnend!”


8) Für mich da sein

“Menschlickeit habe ich vor zehn Jahren, aufgrund einer Krebserkrankung am eigenen Leibe erlebt. Eine Arbeitskollegin, zu der ich kein intensives freundschaftliches Verhältnis hatte(sondern eine ganz normale Beziehung unter Kollegen), hat mich während meiner Chemotherapie, zu der ich stationär ins Krankenhaus musste, völlig selbstlos für eine Woche begleitet, indem sie ihren Urlaub geopfert hat und sich ganz herzlich um mich gekümmert hat. In der Zeit hat sie sich 120 km entfernt vom Wohnort ein Quartier gesucht, um in meiner Nähe zu sein. Allein ihre Anwesenheit, Fürsorge und aufmunternden Worte haben mir in der schweren Zeit viel Kraft und Halt gegeben. Für mich war das neben dem Rückhalt meiner Familie und Freunden eine intensive Erfahrung , selbstlose Menschlichkeit zu erfahren und annehmen zu können. Diese Erfahrung hat mein Denken und Tun bereichert und neu inspiriert. 🙏”

Die bewegende Geschichte von einer Freundin.


7) Pilgern auf Japanisch

Am häufigsten trifft man auf Menschlichkeit, so zumindest erscheint es mir häufig, wenn man auf Reisen unterwegs ist. Sobald man versucht, ein anderes Land und das Leben dort kennen zu lernen, öffnen sich einem die Menschen und zeigen ihre freundlichsten Seiten. Von daher kann man viele Geschichten über Menschlichkeit von Reisen erzählen. Hier sind einige Erfahrung eines Freundes, der viel gereist ist, beispielsweise möglichst ohne Geld nach China und zurück, wo er Menschlichkeit gefunden hat:

“Auf meiner ersten Reise in Japan, als ich zu den 88 Heiligen Tempeln auf der Insel Shikoku pilgerte, begegneten mir gleich am 2. Tag unterwegs eine Gruppe japanischer Pilger. Diese 3 Damen „bereits im fortgeschrittenen Alter“, luden mich ein mit Ihnen zusammen die nächsten 4 Tempel mit dem Auto abzufahren. Wären nicht die offenen Brandblasen an meinen Füßen gewesen hätte ich wohl abgelehnt. Und als wäre das nicht genug, besorgten sie mir eine Pilgertasche und eine Unterkunft für die Nacht in einem wundervollen traditionellen Hotel, dass ich ohne ihre Hilfe nie gefunden hätte.

All das, obwohl ich nur wenige Worte japanisch sprach.

An einem anderen typischen Pilgertag, wachte ich morgens nach einem langen Schlaf in meinem kleinen Zimmer in einem alten Tempelhotel auf. Ich war nicht wirklich hungrig, beschloss also das Frühstück einfach ausfallen zu lassen und mich wieder auf den Weg zu machen. Da habe ich aber nicht mit der Freundlichkeit meiner Gastgeberin gerechnet, die niemanden mit leerem Magen weiter ziehen lässt.

Es klopfte also an der Tür (mehr ein Kratzen, Papiertür) und die Frau des Mönches trat ein. Nach einem kurzem Moment Taboo (rate das Wort) konnte ich ihr erklären das ich nicht hungrig sei und gleich wieder gehe. Sie ging und kam kurz darauf mit einem kleinen Carepacket mit Ei, Tofu und Reis zurück. Alles liebevoll in einer Wegwerf- Bentoschale verpackt.

Nicht einmal 10 Sekunden später trat der nächste ein. Ein großer Japaner in weißer Pilgerkleidung und mit einer riesigen Packung Trockennudeln unter dem Arm. Mindestens 10 Liter. Ich begann schon daran zu zweifeln ob ich nicht doch noch am träumen sei oder über Nacht als Heilig erklärt wurde als noch jemand eintrat. Ein kleine Frau, anfang 30 und aus Thailand stammend. Sie sprach fließend Englisch, erklärte mir die Situation und drückte mir noch 9000 Yen, ca. 70 Euro in die Hand.

Es gibt viele solcher Geschichten die sich in Japan zugetragen haben. Von alten Frauen die einem Mandarinen schenken, Autofahrern die anhalten um an einem heißen Sommertag Getränke zu schenken, verrückten TvReportern und Hotelbesitzern die einen gratis übernachten lassen. Japan ist definitiv eines der freundlichsten Länder in denen ich das Glück hatte wandern zu dürfen.”


6) Kein Dach über dem Kopf: Indigo, Kuchen und der Obdachlose

Wenn es um das Thema Obdachlose und Betteln geht, bin ich selbst immer etwas gespalten. Weil ich schon häufiger gesehen habe, wie das Mitleid von Menschen ausgenutzt wurde. Doch darüber möchte ich gar nicht schreiben denn es rechtfertigt nicht die Missachtung oder Nichtbeachtung die so viele Bettler erfahren. So viele kleine Gesten haben mich daran erinnert, dass sie auch nur Menschen sind. Kleine Gesten, die zeigen, dass manche Menschen Bettler doch beachten:

Ich rede von einfachen Dingen, wie eine Freundin die, als sie in der Stadt auf uns gewartet hat, sich vor dem Laden mit einer Bettlerin einfach nur unterhalten hat. Eine andere Freundin gibt von dem Obst, dass sie vom Markt rettet, stets auf dem Nachhauseweg, Obdachlosen etwas ab. Und als ich vor kurzem am Bahnhof saß und gewartet habe, wurde die Frau neben mir mit einer Bitte um Geld angesprochen- und sie hat der Fragenden nicht nur ein paar Münzen, sondern auch ein Halstuch gegeben.

Von einer Freundin bekam ich diese herzerwärmende Geschichte zu diesem Thema:

Es ist nach Mitternacht und wir stehen in einem Hinterraum des Labour Clubs. Ein Nachklang von Musik hallt noch in der Luft und der Geschmack der Gedichte hat unsere Lippen noch nicht verlassen. Es ist weit nach Mitternacht und wir schweben schwerelos in der scheinbar stillstehenden Zeit. Es ist leicht zu leben, in Nächten wie dieser. Am Nachmittag hatte eine andere Veranstaltung stattgefunden – eine ohne Musik und Gedichte, wahrscheinlich auch ohne Bier, aber dafür mit Kuchen. Und jetzt stehen wir vor den Überbleibseln, bereits halb im Gehen.

„Nehmt etwas Kuchen mit“, sagt jemand. Aber wir zögern.

„Ich weiß nicht. Mir ist gerade nicht wirklich nach Kuchen“, sagt eine von uns.

„Na gut, aber wenn ihr ihn nicht nehmt, schmeißen wir ihn weg.“

„Wenn das so ist, denke ich, sollten wir ein bisschen mitnehmen“, gebe ich nach. „Wenn wir ihn nicht essen, werden die Jungs bestimmt mehr als glücklich sein.“

Uns wird eine Box gegeben, die wir bis zum Rand füllen. Dann sind wir durch die Tür und stehen in der noch nicht ganz warmen Nacht. Es sind kaum Autos auf der Straße und auch nur wenig Menschen. Nur ab und an öffnet sich die Tür eines Pubs und eine handvoll angetrunkener Leute stolpert hinaus und entfernt sich in Sphären aus Zeit und Raum, parallel zu uns, auf unserem Weg zum Marktplatz und durch die Einkaufsstraße. Die Stadt ist wunderschön in der Nacht – das Grau des Asphalts reflektiert eine Palette von Blau- und Lilatönen, und schwarz, der Himmel offenbart seine endlose Tiefe, ab und an mit Sternen gesprenkelt, das warme Licht der Straßenlaternen lässt die Schatten tanzen, erweckt sie zum Leben und lässt sie schwanken zwischen Flamenco und einem langsamen Walzer.

Unten an der Straße, wo all die Clubs sind, ist es lebendiger. Ein ständiger Strom von Menschen verbindet die Clubs und Bars mit der Straße. Wie gesplitterte Planeten bewegen sie sich durch die Nacht auf ihren eigenen Bahnen, nahezu unbewusst der Welt um sie herum. Und wir bewegen uns auf unserer eigenen Bahn, vorbei an den Feiernden, die Straße hinunter bis zu dem Punkt, wo sie sich in zwei teilt. Wir sind fast schon auf der Straße, auf der die Taxihaltestelle liegt als Indigo mit einem Mal stehen bleibt und die andere Straße hinunter zeigt.

„Wartet“, ruft sie. „Da ist ein Obdachloser. Ich möchte ihm Kuchen geben.“

Also, drehen wir uns um und laufen in die entgegengesetzte Richtung und bleiben neben einem Mann stehen, der auf den Boden sitzt und sich gegen die Wand eines Gebäudes lehnt, unbeachtet von den Fröhlichen und den Betrunkenen um ihn herum.

„Hi, magst du Kuchen haben?“, fragt Indigo und der Mann schaut auf. Er ist jünger als ich zunächst geschätzt hatte und ich kann von seinem müden Gesicht ablesen, dass er eine Weile braucht, um zu registrieren, dass er es war zu dem Indigo gesprochen hatte.

„Er war übrig und sie hätten alles weggeschmissen, also haben wir eine ganze Box voll Kuchen mitgenommen. Nimm so viel wie du magst.“ Auf seinem Gesicht erscheint ein Leuchten und ich frage mich, wann er zum letzten Mal Kuchen gegessen hatte. Er wirft einen Blick auf die Kuchenstücke im Pappkarton und sucht sich mit großer Sorgfalt diejenigen aus, die ihm am besten gefallen. Er lacht und hält sie vor sein Gesicht, und mit einem Mal scheint zumindest ein Teil seiner Müdigkeit von ihm gewichen zu sein und an dessen Stelle erscheint ein Ausdruck reiner Freude. Es ist das Glück eines Kindes. Des inneren Kindes, das viele von uns auf dem Weg zum Erwachsenwerden verloren haben. Und ich sehe die unbeschreibliche Schönheit dieser Welt gespiegelt in seinen Augen.


5) Wasser ist ein Geschenk

Wasser ist Leben, heißt es immer. Und dass es eine der wichtigsten Ressourcen überhaupt ist, die wir Menschen auf der Erde haben und brauchen. Ich persönlich muss dabei dankbar an all die Menschen denken, die mir Wasser gegeben und damit sehr geholfen haben.

Einmal habe ich im Sommer beim Laufen die Hitze unterschätzt und großen Durst bekommen. Auf diese Art verschätzt hatte ich mich noch nie und ich hatte noch ein paar Kilometer nach Hause zurückzulegen. Da habe ich zwei mir entgegenkommende Radfahrer nach etwas Wasser gefragt und sie haben mir aus ihren Flaschen etwas zu trinken gegeben.

Beim Wandern in Irland waren unsere Flaschen an einem Tag leer und wir hatten unterwegs nichts zum auffüllen gefunden. Da haben wir uns ebenfalls mit fragen ausgeholfen und im nächsten Ort an einem Haus geklingelt. Von der netten Frau dort haben wir nicht nur unsere Flaschen aufgefüllt bekommen, sondern eine Einladung zum Tee gleich mit dazu.

Auch bei unserer letzten Radtour haben wir unterwegs Leute gefragt, ob wir unsere Trinkflaschen bei ihnen auffüllen dürfen. Und obwohl häufig gesagt wird, Deutsche wären verschlossen oder unfreundlich gegenüber Fremden, konnte meine Erfahrung das nicht bestätigen. Da wir den ersten Schritt auf sie zu gemacht hatten, hat jeder auf unserem Weg uns geholfen und sich dazu noch mit uns über unsere Reise unterhalten. Ich hatte oft den Eindruck, dass sie uns gerne mit dem Wasser abhelfen wollten, und nicht ausschließlich aus einer Pflicht heraus. Mit Freude teilen- ist das auch eine Art Menschlichkeit- gerade wenn es um etwas so wichtiges wie Wasser geht?


4) Mein Freund Mustafa

Im Sommer 2013 befand ich mich mit einer Gruppe von Mitstudenten in einem Flugzeug nach Amman, Jordanien. Wir würden zwei Wochen ein Sommercamp für junge Rotes Kreuz/ Roter Halbmond Freiwillige aus Dänemark, Jordanien und Palästina, organisieren und besuchen, mit dem übergeordnete Ziel Genderfragen in unseren Ländern zu debattieren. Ich wusste noch nicht, dass die wichtigste Lektion dieses Sommers weniger mit Geschlechterfragen als mit Menschlichkeit generell zu tun haben würde.

Ich bin nie zuvor im Mittleren Osten gewesen und bevor wir in Jordanien landeten, stellte sich mein naiv-abenteuerlustiges, zwanzig Jahre altes Ich fein gezeichnete Wüsten wie in Walt Disney’s Aladdinvor, während meine etwas mehr rationale, bald-Journalist Seite sich an Nachrichten über den Arabischen Frühling und Revolutionen in den Nachbarländern erinnerte. Das wirkliche Jordanien war friedlicher und entspannter, aber offensichtlich nicht wie in dem Aladdin Märchen. Dennoch hatte ich in diesem Sommercamp eine Erfahrung, die eines Disneyfilms würdig gewesen wäre.

Im Camp traf ich einen Jungen namens Mustafa und wir wurden beinahe vom ersten Tag an Freunde. Beinahe. Mustafa kam aus Palästina und war Muslim. Ich kam aus dem unerschütterlich säkularen Dänemark, wo viele Leute Religion als etwas altmodisches und Zielscheibe für Witze ansehen. Vor allem die Glaubensrichtungen, die wir nicht verstehen. Mustafa musste das erfahren, als die satirischen Zeichnungen eines dänischen Illustrators von dem muslimischen Propheten Mohammed große Empörung im gesamten Mittleren Osten, gefolgt von einem Boykott gegen Dänemark und dänische Produkte, auslöste.

Mustafa war ein netter Typ. Das ist eine sehr einfache Art, eine andere Person zu beschreiben, aber genau das war er. Er half viele Aktivitäten im Camp durchzuführen, war ein talentierter Künstler, der viele unserer Gespräche in kleinen Comics darstellte und er sprach so gut Englisch, dass er einer unserer besten Dolmetscher für diejenigen war, die nur Arabisch sprachen. Was mir am deutlichsten von ihm in Erinnerung blieb, ist dass er tatsächlich eher schüchtern schien. Aber auf seine eigene ruhige Art, zeigte er seine vielen Talente und Bereitschaft sie zu teilen um das Camp eine noch bessere Erfahrung für alle zu machen.

Die letzte Nacht im Camp war, was mich wirklich beeindruckt hat. Wir hatten eine kulturelle Feier mit einer dänischen Modenschau, arabischen Tänzen und vielen Süßigkeiten aus beiden Teilen der Welt. Wir waren traurig über den bevorstehenden Abschied am nächsten Tag, aber auch erfüllt von Freude und Süßem von der Feier. Am Ende des Abends saß ich draußen und atmete die jordanische Nacht mit einer Gruppe von Freunden, auch Mustafa, ein. Wahrscheinlich haben wir uns bereits an die Camperfahrungen und was wir über unsere Länder gelernt hatten zurückerinnert, aber in der Mitte der Unterhaltung schaute Mustafa mich zurückhaltend an und mit einem: „Sei nicht traurig“, erzählte er mir wie sehr er noch vor einer Woche Dänemark verachtet hatte. Was er über mein Land wusste war verbunden mit den Mohammed Karikaturen, und wie viele andere war auch er aufgebracht gewesen. Er hatte sogar unsere Flagge auf den Straßen von Ost-Jerusalem verbrannt. Der ursprüngliche Grund warum er in dieses Sommercamp gefahren war, war weil er dachte es wäre ein Camp für Freiwillige des Roten Halbmondes, und er hatte einen Schock bekommen als einer meiner Klassenkameraden sich ihm am ersten Tag mit: „Schön dich zu treffen. Ich bin Mathias aus Dänemark“, vorstellte.

Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Mustafa- der ruhige, nette Freund von dem ich mir nie hatte vorstellen können, dass er einer Fliege etwas zu leide tun könnte- saß hier mit mir und erzählte mir, wie er einst mich gehasst hätte, nur weil ich aus Dänemark kam. „Aber jetzt sehe ich die Dinge anders“, versicherte Mustafa mir. „Ich bin wirklich froh in dieses Camp gekommen zu sein, denn nun habe ich gesehen, dass ihr Dänen fantastische Leute seid.“ Mir war schwindelig vor Freude. Nicht weil er meine Leute „fantastisch“ genannt hat, sondern weil er, einfach so, mit diesen wenigen Worten, dem Camp eine so viel größere Bedeutung gegeben hatte als es schon hatte. „Und wenn ich nach Hause komme, werde ich all meinen Freunden erzählen, dass ich ein paar nette Dänen kenne“, fuhr Mustafa fort, und meine Wangen fingen an weh zu tun von all dem Lächeln. „Dann werden sie auch wissen, dass ihr auch gute Leute seid.“

Zurückblickend, frage ich mich immer was seine Meinung geändert hat. Die Wahrheit ist, wir haben nicht besonderes gemacht. Wir waren nur eine Gruppe junger Menschen, die Spaß hatten, voneinander gelernt haben und über Sprachfehler gelacht haben. Kulturelle Unterschiede und Religion haben nicht zu viel Platz in unseren Gedanken ausgefüllt. Wir Dänen waren zu Hause über potentielle Unterschiede, auf die wir achtgeben sollten, eingewiesen worden. Mädchen sollten ihre Knie und Schultern bedecken, Jungen und Mädchen sollten sich nicht umarmen oder einander berühren- und im Camp lachten die jungen Jordanier und Palästinenser nur über unsere Versuche, vorsichtig zu sein. Am Ende waren unsere Art, jung zu sein und Spaß zu haben, nicht verschieden.

Ich schreibe diese Geschichte nicht um ein rosiges Bild der Welt zu malen. Ich versuche nicht die Existenz von religiösem Extremismus zu leugnen oder zu unterstellen, dass Westliche oder Araber, die nie gereist sind oder Fremden begegnet sind, automatisch engstirnig oder Rassisten sind.

Ich schreibe das hier auf, weil es eine schöne Geschichte ist die mir immer ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Und wir brauchen Lachen in Zeiten wie diesen, wenn wir unsere Augen und Grenzen verschließen gegenüber dem, was wir nicht verstehen. Zu guter Letzt schreibe ich diese Geschichte auf, weil ich mich immer fragen muss, ob Mustafa oder gute Menschen wie er momentan in einem Flüchtlingscamp in Griechenland stecken oder in ihrer Heimat bombardiert werden.

Es sind Geschichten wie diese, an die ich mich erinnern und die ich für den Rest meines Lebens weitergeben möchte. Mitten in einer humanitären Krise aber auch im Alltag, kann eine Geschichte wie diese hoffentlich ein Lächeln hervorzaubern, welches die Mauern um unsere Länder und Gedanken einreißt.

(Diese Geschichte wurde von Ida Scharla Løjmand geschrieben.)


3) Dankbarkeit, verloren und gefunden

Es passiert immer mal wieder, dass man etwas wertvolles verliert, seinen Schlüssel, Geldbeutel und dergleichen. Dankbarkeit und Erleichterung empfindet man dann normalerweise, wenn jemand das Verlorene findet und wiederbringt. Allerdings nicht immer, ein Freund hat es auch schon erfahren, dass er jemandes Pass gefunden und denjenigen darüber informiert hatte. Der Besitzer hat den Pass daraufhin abgeholt, mit einem Verhalten als wäre es das selbstverständlichste der Welt, nicht besonderen Dankes wert. Mein Freund hatte es auch selbst nicht als besondere Tat angesehen, aber wegen dieses Verhaltens ist ihm jemand anders besonders positiv aufgefallen. Denn vor kurzem hat er die Kreditkarte von jemandem anders gefunden und konnte auch diese dem Besitzer zuordnen und diesen kontaktieren. Und jener Besitzer hat sich überschwänglich gefreut und bedankt, mit Schokolade und netten Worten, die gezeigt haben wie sehr er diese kleine Tat geschätzt hat. Auch das gehört, finde ich zu Menschlichkeit: Dankbarkeit.

Schon das Wiederbringen der Sachen ist für viele selbstverständlich. Als mir diese Geschichte erzählt wurde, kamen wir auf den Gedanken, dass möglicherweise gerade besonders netten Menschen weniger Erlebnisse einfallen, die bemerkenswert sind um sie hier zu berichten, weil sie menschliche Gesten als selbstverständlich ansehen.


2) Bustickets für zwei

“Das war Mega beeindruckend gerade: da ist eine Frau im Bus mit einem Kind und sie dachte, weil das [Kind] erst drei ist bräuchte sie kein Ticket. Und dann kam der Fahrer und hat gesagt sie muss noch ein Ticket für das Kind für 7€ kaufen und die Frau hat nur gebrochen deutsch gesprochen und hat dann mit jemandem telefoniert und irgendwie hat man rausgehört dass sie das Ticket nicht zahlen konnte. Und dann hat ein Mann zwei Reihen hinter ihr dem Fahrer zehn Euro in die Hand gedrückt und gesagt er zahlt es und wollte das Rückgeld von der Frau auch nicht wieder annehmen 🙊🙈”

Busfahren ist etwas so Alltägliches,  dass ich mir diese kleine Situation lebhaft vorstellen kann, und diese Erzählung hat mir ein kleines Lächeln auf das Gesicht gezaubert. Ich frage mich dadurch auch: kommt es denn für mich immer auf jeden einzelnen Euro an, wenn er woanders gebraucht wird?

(die Geschichte selbst hat jemand mit mir geteilt)


1) Zuhören in Berlin

Beim Arbeiten treffe ich jedes Mal die interessantesten, ungewöhnlichsten Menschen. Oder vielleicht sind sie gar nicht ungewöhnlich, aber man trifft sie normalerweise nicht, weil man nicht mit so vielen verschiedenen Menschen in so kurzer Zeit zu tun hat. Doch durch die Arbeit erzählen mir so einige kurze (oder auch längere) Geschichten aus ihrem Leben, die mich berühren oder zum Nachdenken bringen. Eine, die mir in Erinnerung geblieben ist, war von einer Frau in Berlin. 

Sie erzählte mir von ihrem Tag, an dem sie nicht wie an jedem anderen einfach nur auf Arbeit gegangen ist. An jenem Tag hatte diese Frau sich mit einem Schild im Stadtteil Marzahn hingestellt, auf welchem stand, dass sie zu hört. Sie hat Menschen die Möglichkeit gegeben, zu ihr zu kommen und mit ihr zu reden, ihre Gedanken, Sorgen, Probleme oder Wünsche zu erzählen. Sie hat nicht selbst etwas erzählt, sondern sich dorthin gestellt damit andere zu ihr kommen können und sie ihnen zuhört.

Normalerweise erzähle ich beim Arbeiten Anderen Dinge- diesmal hat mir jemand etwas Neues erzählt und mich an etwas erinnert. Die Frau hat mich daran erinnert, dass es wichtig ist zuzuhören. Keine Ratschläge zu erteilen, sondern aktiv zuzuhören.